November 2017

Die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung intern moderieren – ein Praxisbeispiel

Alexandra Gerstner

Damit die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung mit internen Moderatoren gelingt, sind methodische Kompetenzen und eine gute Rollenklärung unabdingbare Voraussetzungen.

Im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit der BGW qualifizierte ich Moderatorinnen und Moderatoren aus BG Kliniken für die interne Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastungen. Die Qualifizierung besteht aus drei Präsenzmodulen sowie einer begleiteten Praxisphase, in der die Moderatoren erste Analyseworkshops eigenverantwortlich durchführen.

Herr Michael, als betrieblicher Gesundheitsberater am BG Klinikum Berlin haben Sie Einblick in viele unterschiedliche Arbeitsbereiche der Klinik.
Bei aller Unterschiedlichkeit, erkennen Sie dennoch einen roten Faden hinsichtlich der Belastungsfaktoren?

In meinen Beratungsgesprächen als betrieblicher Gesundheitsberater und im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements berichten Kolleginnen und Kollegen häufig von psychischen Belastungsfaktoren. Ich unterstütze dann bei der Entwicklung individueller Lösungen.

Im großen Ganzen beobachte ich eine besondere Komplexität mit den steigenden Versorgungsaufträgen. Arbeitsaufgaben und organisationale Prozesse müssen immer wieder evaluiert und angepasst werden. Die Anforderungen an die Mitarbeitenden verändern sich somit häufig, was sich belastend auf einzelne Teams und Abteilungen auswirken kann. Um psychische Belastungsfaktoren im betrieblichen Kontext gezielt zu reduzieren und eine resiliente Organisation aufbauen zu können, hat sich das Unfallkrankenhaus Berlin mit Unterstützung des BG-Klinikverbundes für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung entschieden.

Welches sind nach Ihrer Einschätzung die größten Belastungsfaktoren?
Haben sich die Belastungen in den vergangenen Jahren verändert?

Allgemein sind in der Arbeitswelt sicherlich in den vergangenen Jahren insbesondere die Arbeitsverdichtung, steigende Leistungsanforderungen oder befristete Arbeitsverträge in den Fokus gerückt. Zudem ergeben sich meiner Erfahrung nach auch branchenbedingte Belastungsfaktoren.

In Krankenhäusern sind die großen Herausforderungen weiterhin die Schichtarbeit sowie eine schnell verlangte Handlungskompetenz in der Versorgung von Notfällen zu sehen. Die erweiterten Verantwortungsbereiche der einzelnen Berufsgruppen können ebenfalls Belastungsfaktoren begünstigen. Verschärft haben sich Belastungen sicherlich aufgrund des steigenden Fachkräftemangels in der Berufsgruppe Gesundheits- und Krankenpflege.

Sie sind Anfang des Jahres mit der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung in Ihrer Klinik gestartet. Gab es einen konkreten Anlass?

Als berufsgenossenschaftliches Krankenhaus hat der Arbeits- und Gesundheitsschutz in unserem Unternehmen ohnehin einen hohen Stellenwert.

Im Sinne der Prävention war unser Ziel, einen differenzierten Blick auf das Thema psychische Belastungsfaktoren im Arbeitsprozess zu legen. Ein Anlass, wenngleich eher auf allgemeiner Ebene, war für uns auch die branchenunabhängig zu beobachtende Zunahme psychischer Erkrankungen. Wir wollten besser verstehen, wie wir Arbeitsbedingungen und -prozesse gestalten können, um psychische Belastungen zu reduzieren.

Da wir auf individueller Ebene mit dem Angebot der vertraulichen Gesundheitsberatung bereits gut aufgestellt sind, ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ein sinnvolles Instrument, um unser Präventionsnagebot zu erweitern.

Sie haben gleich zu Beginn des Projektes ihr Interesse bekundet, als Moderator eine aktive Rolle in der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung einzunehmen. Was hat Sie motiviert und welche Vorerfahrungen bringen Sie mit?

Die Vorteile einer internen Moderation sind für mich ganz klar die Möglichkeit, den Prozess kontinuierlich zu begleiten und dabei gut etablierte Kommunikationswege nutzen zu können. Im Sinne einer lernenden Organisation profitieren wir enorm von diesen Erfahrungen.

Durch das Zusammenspiel der Bereiche Personalentwicklung und Betriebliches Gesundheitsmanagement bot sich die Durchführung der internen Moderation auch aufgrund unserer vielfältigen Erfahrungen an, de wir hier im Team haben. Als Moderatoren unterstützen und begleiten wir beispielsweise auch interne Teamworkshops oder Veränderungsprozesse.

Das klingt alles sehr stimmig. Und dennoch: Gab es im Vorfeld auch kritische Stimmen oder Befürchtungen? Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir haben die Vor- und Nachteile der internen Moderation intensiv diskutiert und uns auch mit anderen Häusern aus dem Klinikverbund zu diesem Thema verständigt.

Zentraler Diskussionspunkt war die Frage, welche Rolle wir als interne Moderatoren einnehmen werden und wie der Spagat gelingen kann, einerseits neutral zu moderieren und gleichzeitig auch Teil des Systems, also der eigenen Organisation zu sein.

In der Qualifizierung gaben Sie uns nützliche Anregungen. Dass Sie Ihre Erfahrungen aus der Beratung mit uns teilten, erlebte ich als bereichernd. Der Austausch mit Ihnen und den anderen Teilnehmenden sowie die Möglichkeit, viel auszuprobieren und zu reflektieren, war ein Zugewinn für die eigene Handlungskompetenz. Jeder konnte aus den Erfahrungen für sich dann eine Art Checkliste, einen „inneren Kompass“ entwickeln. Damit wurde dann auch klar, in welchem Setting eine interne Moderation möglich ist.

Darüber hinaus erlebte ich den kollegialen Austausch und die regelmäßigen Treffen in der Peer-Group als sehr unterstützend. Die einzelnen Bausteine haben insgesamt dazu beigetragen, dass ich die Workshops neutral begleiten und moderieren konnte.

Sie sprechen das Thema der Rollenklärung an. Wie grenzen Sie die Funktion des Moderators von anderen Rollen ab?

Der betriebliche Alltag und die vielfältigen Aufgaben erschweren manchmal eine gründliche Vorbereitung der Moderation. Die Qualifizierung gab mir die Möglichkeit, mich mit den erforderlichen Rahmenbedingungen der internen Moderation differenziert auseinanderzusetzen. Insbesondere die Projektumfeld-Analyse, also die Sensibilisierung für die Erwartungen der Beteiligten im Prozess sowie Klärung der inhaltlichen Trennung von Moderation und Prozesskoordination ermöglichte mir die Ableitung von Vorgehensweisen.

Was ist aus Ihrer Erfahrung die wichtigste Voraussetzung, dass die Gefährdungsbeurteilung gut läuft?

Nach meiner Erfahrung ist eine genaue Information der Mitarbeitenden wesentlich, um ein gemeinsames Verständnis zu haben, worum es bei der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung geht. Eine wohlwollende Haltung zur Thematik sowie eine Transparenz, wie der Prozess abläuft, sind eine wichtige Voraussetzung für eine aktive Beteiligung der Mitarbeitenden.

Um die Gefährdungsbeurteilung erfolgreich auf den Weg bringen zu können, braucht es daher eine transparente Kommunikation.

Wie hat die Qualifizierung dazu beigetragen, die Gefährdungsbeurteilung erfolgreich auf den Weg zu bringen?

Die Qualifizierung ist so aufgebaut, dass jeder für seinen betrieblichen Alltag ein passendes Projektdesign für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung entwickeln konnte. Im Plenum sowie in Kleingruppen wurden die relevanten Aspekte beleuchtet und am Ende hatte jeder ein klares Konzept für die Durchführung. Darüber hinaus ging es immer wieder auch um die Klärung der eigenen Rolle. Rückblickend war diese „doppelte Blickrichtung“ das Besondere der Qualifizierung.

Insgesamt erlebte ich die Methodenvielfalt als zielführend. Insbesondere erinnere ich mich an eine Übung, in der wir „Worst-Case-Szenarien“ in der Moderation simulierten. Das war durchaus herausfordernd. Gleichzeitig war es wertvoll, unterschiedliche Vorgehensweisen auszuprobieren und die Wirkungsweise mit den anderen zu reflektieren. Diese Erfahrungen gaben mir auch die Sicherheit, in der „echten“ Moderation handlungsfähig zu bleiben.

Haben sie auch heikle Situationen erlebt… und wie sind Sie damit umgegangen?

Ganz klar, die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung ist keine einfache Aufgabe. Ich erlebte beispielsweise, dass trotz guter Vorbereitung und Information, Kolleginnen oder Kollegen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen in die Workshops kamen. Dies führte zu Beginn zu Irritationen bei den Beteiligten.

Ich lernte daraus. In den folgenden Workshops plante ich Bedenken und kritische Annahmen zeitlich mit ein und nahm dies als festen Bestandteil in meinen Ablauf auf. Auch im Gesamtprozess achtete ich sensibel auf diese kritischen Annahmen.

Unser Fokus lag darauf, die Selbstwirksamkeit in den einzelnen Teams zu stärken. Auch die Klärung von Zuständigkeiten führte zu ergiebigen Diskussionen, in denen bisher bewährte Lösungsansätze neu gedacht wurden.

Eine Herausforderung ist es auf jeden Fall, alle Beteiligten kontinuierlich am Prozess zu beteiligen und dran zu bleiben. Dieser wichtige Aspekt geht dann allerdings auch über die eigentliche Rolle der internen Moderation hinaus.

Was würden Sie anderen Unternehmen empfehlen, die planen die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung mit internen Moderatoren durchzuführen?

Die Teilnahme an der BGW-Qualifizierung würde ich auf jeden Fall empfehlen. Das dadurch gewonnene Wissen ist bei einem so sensiblen Thema meiner Meinung nach zwingend erforderlich. Beispielsweise ermöglicht die von der BGW entwickelte Checkliste eine wertvolle Orientierung und erleichtert die Arbeit ungemein. Zudem entstand durch die Qualifizierung ein Netzwerk für Erfahrungsaustausch und die damit weiterhin verbundene Möglichkeit zur kollegialen Fallberatung.

 

Herr Michael, herzlichen Dank für unseren Austausch!

Das Interview führte ich im Herbst 2017 mit Herrn Marc-Falko Michael, Betrieblicher Gesundheitsberater am BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin gGmbH.

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